Kurz nach Mitternacht, irgendwo zwischen zwei Grenzen, bleibt von der Welt nur der Lichtkegel der kleinen Leselampe. Das Abteil schaukelt, die Schienenstöße geben einen Takt vor, der nach wenigen Seiten nicht mehr stört, sondern trägt. Wer im Nachtzug ein Buch aufschlägt, merkt schnell, dass hier eine Form des Lesens überlebt hat, die anderswo selten geworden ist. Lang, ununterbrochen, ohne dass ein Bildschirm um Aufmerksamkeit bittet.

Dass es diesen Ort wieder gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Nachtzug galt lange als Auslaufmodell. Jetzt fährt er wieder, mit neuen Wagen und neuen Strecken, und mit einem alten Versprechen, das mit dem Lesen mehr zu tun hat, als es auf den ersten Blick scheint.

Der letzte Nachtzug nach Paris fuhr im Dezember 2025

Die Bilanz spricht für eine Rückkehr. 1,5 Millionen Fahrgäste nutzten 2024 die Nachtzüge der ÖBB, die das größte Nightjet-Netz Europas betreiben. Seit Dezember 2023 rollen Garnituren einer komplett neuen Bauart, von Siemens unter dem Namen Viaggio Next Level entwickelt, mit fest montierten Betten und abschließbaren Mini-Cabins für Alleinreisende. Von Mitte Juni 2026 an verkehren sie auch zwischen Zürich und Wien. ÖBB und Deutsche Bahn haben angekündigt, die Zahl der Nachtzugreisenden bis 2030 verdoppeln zu wollen.

Dasselbe Jahr erzählt eine zweite Geschichte. Zum 14. Dezember 2025 stellte die ÖBB die Verbindung von Wien und Berlin nach Paris ein, weil Frankreich seine staatliche Förderung für den Nachtzugverkehr ab 2026 strich . Die Bestellung neuer Garnituren fiel zudem kleiner aus als ursprünglich geplant, und ob sich das Verdopplungsziel halten lässt, hängt am Ende auch am Wagenmaterial. Genau dort hakt es. Die Lücke nach Paris will nun ein privates Unternehmen schließen. European Sleeper kündigte an, Berlin und Paris von Ende März 2026 an über Brüssel wieder zu verbinden. Wachstum und Rückbau liegen dicht beieinander, und es wäre zu früh, das Comeback für gesichert zu halten.

Seit 1848 reist das Buch im Zug mit

Die Verbindung von Schiene und Buch ist beinahe so alt wie die Eisenbahn. Am 1. November 1848 eröffnete William Henry Smith am Londoner Bahnhof Euston den ersten Bahnhofsbuchstand . Der Gedanke dahinter war nüchtern. Im gleichmäßig rollenden Zug ließ sich lesen, was in der schwankenden Postkutsche kaum gelungen war. Bald standen Smiths Verkaufsstände an allen großen Strecken, sie betrieben sogar Leihbibliotheken entlang des Netzes, und mit ihnen wuchs ein eigenes Genre heran. Die billig gedruckten Yellowbacks, Bahnhofsromane mit grellen Umschlägen, lieferten Kriminal- und Sensationsstoff für die Stunden zwischen zwei Stationen.

In Frankreich verfolgte Louis Hachette dieselbe Idee. Ab 1852 baute er eine bibliothèque des chemins de fer auf, eine Bahnbibliothek, deren Bände er nach Lesergruppen farblich sortierte. Verlage legten eigene Reihen für die Reise auf, billige Nachdrucke in einer Breite, die es zuvor nicht gegeben hatte. So wurde das Lesen im 19. Jahrhundert zur Sache breiter Schichten, und die Eisenbahn hatte daran erheblichen Anteil. Der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch hat in seiner Geschichte der Eisenbahnreise beschrieben, wie die neue Geschwindigkeit das Wahrnehmen umbaute. Das Buch war ein Teil dieser Erfahrung, ein Halt im rasenden Vorüberziehen der Landschaft. Selbst die Bühne wusste davon. Bei Oscar Wilde verlangt eine Figur, man müsse im Zug immer etwas Aufregendes zu lesen dabeihaben.

Seichte Zerstreuung zwischen zwei Bahnhöfen

Doch die Reisezeit wird nicht ausschließlich lesend verbracht. Viele Menschen wechseln heute bewusst zwischen analogen und digitalen Angeboten. Während die einen einen Roman aufschlagen, suchen andere nach verlässlicher Unterhaltung auf dem Smartphone oder Tablet. Gerade auf längeren Fahrten bieten deswegen zum Beispiel Online-Casinos willkommene Zerstreuung, weil sie Wert auf Benutzerfreundlichkeit, Transparenz und ein angenehmes Nutzungserlebnis legen. Allerdings sollte man bei der Auswahl Acht geben. Zuverlässig sind meist nur die Anbieter, die von Industrie-Experten ausgewählt wurden.

Am Ende verbindet beide Formen der Beschäftigung ein ähnliches Bedürfnis: Die Stunden unterwegs sollen nicht einfach vergehen, sondern sinnvoll und möglichst ungestört erlebt werden.

90 Prozent lesen unterwegs mehr

Geblieben ist die Beobachtung, dass Reisen und Lesen zusammengehören. Einer Erhebung von British Airways Holidays mit dem Marktforschungsinstitut YouGov zufolge lesen 90 Prozent der britischen Erwachsenen unterwegs mehr als daheim . Das ist eine britische Zahl und kein europäischer Durchschnitt. Sie deckt sich aber mit dem, was Buchhandel und Verlage seit Jahren registrieren, bis hin zu den Leseempfehlungen, die unter dem Stichwort BookTok einen messbaren Schub bei gedruckten Büchern ausgelöst haben. Mancher reist inzwischen einem Buch hinterher, an die Schauplätze von Romanen, die zuerst online ihr Publikum fanden.

Der Zug ist dabei kein beliebiger Ort. Er ist einer der wenigen, an denen ein Buch nicht gegen ein Dutzend Bildschirme antreten muss. Im Flugzeug drängt die Enge, am Steuer fällt das Lesen ganz aus. Über Nacht und über Grenzen hinweg ist der Mobilfunkempfang ohnehin lückenhaft, und was als Mangel beginnt, wird rasch zur Erlaubnis, einfach weiterzulesen. Die Nacht im Schlafwagen schenkt etwas, das im Alltag teuer geworden ist, eine lange zusammenhängende Strecke Zeit, in der niemand etwas verlangt.

Bei Tagesanbruch ist das Buch zu Ende

Der Nachtzug gehört zu einer größeren Bewegung, dem langsamen Reisen. Sie speist sich auch aus dem schlechten Gewissen gegenüber dem Fliegen, doch das Material trägt die Begeisterung nur bedingt. Eine Greenpeace-Untersuchung von 2025 kam zu dem Ergebnis, dass die Bahn auf nur 41 Prozent der untersuchten grenzüberschreitenden Strecken günstiger war als das Flugzeug . Auf vielen Verbindungen bleibt der klimaschädlichere Flug schlicht billiger, weil er geringer besteuert wird. Wer den Zug nimmt, zahlt für die Langsamkeit nicht selten drauf.

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