Dass ich zu den Menschen mit Hochsensibilität zähle ist nichts Neues und mir selbst schon lange bewusst. Schon immer hatte ich das Gefühl „anders“ zu sein und die Welt bedeutend unterschiedlich wahrzunehmen als andere Personen.

Merkmale von hochsensiblen Menschen

Typische Merkmale bei hochsensiblen Menschen sind zum Beispiel:

  • Starke innere Wahrnehmung
  • Detailreiche Wahrnehmung der Umwelt
  • Gutes Einfühlungsvermögen, große Empathie
  • Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
  • Vielschichtige Fantasie und Gedankengänge
  • Hohe Eigenverantwortung und Wunsch nach Unabhängigkeit
  • Detaillierte Selbstreflexion und langer emotionaler Nachklang des Erlebten
  • Guter Zuhörer
  • Perfektionismus
  • Intensives Erleben von Kunst und Musik
  • Harmoniebedürfnis
  • Schwierigkeiten mit starren Strukturen
  • Starke Beeinflussbarkeit durch die Stimmung anderer Menschen

Wie fühlt sich das an?

All diese Punkte treffen absolut auf mich zu und sind extrem stark bei mir ausgeprägt. Doch wie fühlt sich das nun an wenn man derart hochsensibel ist?

Gehe ich in ein Lokal, denken sich andere vermutlich: Ah, die Bar -> Getränke -> passt. Bei mir ist der Ablauf ein deutlich anderer. Das komplette Lokal und jeder der sich darin befindet wird in sekundenschnelle abgecheckt. Es läuft sozusagen ein automatisierter Scan ab, bei dem jeder Gegenstand und jede Person an der ich vorbeigehe analysiert wird. Wirkt die Person glücklich, ist sie gestresst oder traurig und wieso ist das wohl so? Was trägt die Person und wie ist ihre Mimik und Gestik? Den Geruch kenn ich, den gleichen trägt Jasmin, wie es ihr wohl geht? Wieso sitzt diese Person alleine mit drei leeren Flaschen am Tisch und wieso sagen mir die Augen dieser Frau dass sie totunglücklich ist während sie es zwanghaft mit einem Lächeln zu überspielen versucht? Und wieso merken ihre Gesprächspartner das nicht? Es sind hunderte, vermutlich sogar zigtausende Eindrücke, die ich in wenigen Augenblicken wahrnehme und auf mich einprallen. Das kann extrem überfordernd sein, weshalb ich Menschenansammlungen meistens meide oder lieber von etwas Abseits beobachte. Es ist auch der Grund, wieso ich in fast allen Situationen Anfangs ruhig bin, weil ich all diese Eindrücke versuche zu verarbeiten und mit jeder Sekunde noch mehr beobachte und entdecke. Das ist prinzipiell wie das Lesen eines Buches, bei dem man mit jedem Buchstaben noch mehr erfährt. Erst wenn ich mich in einer mir gewohnten Umgebung befinde, mit Personen die ich schon gut kenne, fällt all dies weg und ich kann mich bewusst auf anderes konzentrieren und locker drauflosplaudern.

Sinnesexplosionen

Nicht nur in solchen Situationen spielt diese Hochsensibilität eine Rolle, sondern auch bei ganz natürlichen Dingen. Gehe ich spazieren und es fängt ein Wind an zu wehen oder es beginnt zu regnen, denke ich mir nicht „shit es regnet“ oder „mh es ist jetzt windig und kalt, echt blöd“ sondern es ist für mich wie eine Art Sinnesexplosion. Jeder Windhauch oder noch so kleine Tropfen, der meine Haut berührt, wird extrem intensiv wahrgenommen. Gleichzeitig verstärkt sich die audiovisuelle Wahrnehmung bei mir deutlich und so nehme ich die Blätter an den Bäumen wie in Zeitlupe wahr, wie sie sich bewegen und rascheln, genauso wie den darauf folgende Luftstrom, der mich gleich treffen und umgeben wird.
Genau deswegen ist für mich ein Sommerregen nicht nur ein Sommerregen oder ein Sonnenaufgang nicht einfach nur ein Sonnenaufgang oder ein Gewitter ein Gewitter. Es sind solch einfache und für andere unscheinbare Dinge, die so viel in mir auslösen und mich manchmal überwältigen. Hochsensibilität.

Es sind solch einfache und für andere unscheinbare Dinge, die so viel in mir auslösen und mich manchmal überwältigen. Hochsensibilität.

Jürgen Koller

Harmonie und Empathie

Harmonie ist bei mir ebenso ein wichtiges Thema, wie die enorm ausgeprägte Empathie und ein starker Gerechtigkeitssinn. Wenn jemand ungerecht behandelt wird, oder sich jemand unangebracht zum Nachteil anderer Verhält, ist dies so ziemlich die einzige Situation, bei der mir auch mal die Sicherung durchbrennen kann. Ansonsten bin ich ein Ruhepool mit einer starken inneren Wahrnehmung. Es wird alles analysiert und abgewägt, die Gedankengänge sind oft vielschichtigt und komplex. Dass meine inneren Gedanken und die innere Stimme mal nichts von sich geben kommt eigentlich nie vor, es sei denn ich bin extrem beschäftigt und im „Flow-Zustand“ oder „Tunnel“.

Die Schwierigkeiten dabei

Hochsensibilität hat nicht nur seine positiven Seiten. Schwierig ist zum Beispiel diese ausgprägte Empathie, da man sich sehr, sehr schnell in andere Menschen hineinversetzen kann und sich vieles was man gesagt bekommt zu sehr zu Herzen nimmt. Was ich auch lernen musste bzw. erst vor kurzem gelernt habe ist, dass ich Unterschiede zwischen der inneren Wahrnehmungen/Gedankengängen und der Realität machen muss. Man nennt das auch mentale Simulation. Wenn man sich Dinge in seinen Gedanken vorstellt, löst dies bei hochsensiblen Menschen exakt die gleichen Gefühle aus, als wären diese wirklich so passiert. Das kann ungemein gefährlich sein, weil man die Realität schnell aus den Augen verliert und emotional in etwas hineinkippt was garnicht in diesem Ausmaß passiert ist. Des weiteren wirken Gespräche in größeren Gruppen oder ein hoher Lärmpegel schnell ermüdend. Die Reizüberflutung ist dann zu groß und man zieht sich schnell an einen ruhigeren Ort zurück.

Diese Hochsensibilität ist auch nicht immer gleich stark. Sie ist zwar immer vorhanden, aber an manchen Tagen deutlich ausgeprägter als an anderen. Auch wenn es – was gerade den sozialen Kontakt mit anderen Menschen betrifft – nicht immer einfach ist, liebe ich diese Hochsensibilität, da ich das Gefühl habe einen zusätzlichen Sinn zu haben. Es erlaubt mir unmittelbar vieles auf- und wahrzunehmen, was andere einfach nicht bemerken und das Leben an sich, mit all seinen unscheinbaren Kleinigkeiten, um ein vielfaches stärker zu erleben als meine Mitmenschen.

Ein Hoch auf die Hochsensibilität.

Auflistung der Merkmale von: https://www.minimed.at/medizinische-themen/psyche/hochsensibilitaet/

  1. Silke Bebermeier schreibt:

    Wow.

    Hey Jürgen.

    Ein wenig erkenne ich mich in dich wieder.
    Was du oben geschrieben hast….die Merkmale…erkenne ich bei mir wieder. Meist werde ich belächelt,wenn ich von den saftigen verschiedenen Grüntönen Berichte oder wenn ich mich so in die Erzählungen anderer hinein versetze, dass emotional auch mal die ein oder andere Träne über meine Wange läuft. Andere beschütze,wenn ich denke,dass sie nicht gerecht behandelt wird.

    Deswegen wohl auch mein emotionaler Einbruch 2017.

    Ich wünsche dir wohltuende Freunde um dich. Verliere niemals deine Lebenswillen. Schön, dass du dein SEIN mit uns teilst.

    Alles Liebe
    Silke

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