„Nein. Nein. Nein. Nein. Uhh, der ist geil! Nein. Nein. Ihh nein. Heute ist echt nur Müll unterwegs.“ Olivia sorgte mit der rechten Hand für Chips Nachschub, während sie sich mit der linken um ihr Liebesleben kümmerte. Da bereits zwei ihrer Freundinnen ihren Ehemann über Tinder gefunden hatten und ihr mindestens sieben weitere Freundinnen von atemberaubenden Tinderaffären vorschwärmten, war sie nun ebenfalls ins Tinder-Business eingestiegen. „Haha, nein, fix nicht. Nein. Nein. In your dreams baby.“ Die Chipstüte leerte sich, während sich einige Krümel abwechselnd auf ihrem Oberkörper, der Couch und ihren Haaren verteilten. Olivia. 26 Jahre alt, solide Körpergröße die sich, wie sie immer sagte, zwischen Standgebläße und Topmodel bewegte. Ok, ihre Figur war vielleicht schon mal etwas sportlicher aber so genau würde ja eh keiner hinsehen. Ihr größter Vorzug, wie sie fand, war sowieso ihr Lächeln, das nur noch von ihren perfekt geformten 85B Brüsten übertrumpft wurde. Ja, sie wusste ihre Vorzüge hervorzukehren wenn es sein musste – auch auf ihrem Tinderprofil. Ein Strandfoto im Bikini und ein zweites mit einem geborgten, kleinen Hund im Arm reichten vollkommen aus.

„Oh ok, damit kann ich arbeiten – wie viele Bauchmuskeln hat der Typ denn bitte? 2,4,6,7? Ist da einer verloren gegangen? Na gut, auch egal – den werd ich schon finden.“ Ihr Finger bewegte sich gekonnt nach rechts. Es war swipen in Perfektion. Kein Match. „Scheißkerl.“ Olivia ernährte sich nun von den Chipskrümel in ihren Haaren. Sie waren blond, normalerweise gewellt doch gerade etwas ungepflegt und leicht gekräuselt, aber das tat nichts zur Sache. Sie wusste noch nicht ganz genau was sie von Tinder erwartete. Einerseits wäre ein Typ zum Heiraten schon nicht schlecht – andererseits hatte sie schon seit 3 Wochen keinen Sex mehr und das war für ihre Verhältnisse eine Katastrophe im biblischen Ausmaße. Wozu sollte man eigentlich leben wenn man keinen Sex hat, lautete eines ihrer freizügigen und gleichermaßen dubiosen Lebensmottos.

Auf Tinder hatte sie bis jetzt verzichtet, normalerweise lernte sie ihre Freunde und Bettbekanntschaften – der Übergang gestaltete sich meist fließend – in Clubs oder Lokalitäten kennen. Manchmal auch in der Ubahn oder beim Einkaufen. Den letzten hatte sie in der Gemüseabteilung aufgegabelt. Nicht ganz ihr Typ aber sie hatte an dem Abend noch nichts vor und er war leichte Beute. Er hatte sich auch ganz ordentlich angestellt, schwelgte sie in Erinnerung. Als er mit seinen riesigen Händen einen Fruchtsaft, sechs Eier, eine Tiefkühlpizza, zwei Packungen Chips, drei Energy Drinks, eine Zuchini, vier Semmeln und eine Packung Gummibärchen transportierte, ahnte sie schon dass er ein guter Fang sein würde. Vermutlich hätte auch noch ihr Einkauf in seinen beachtlichen Händen Platz gefunden aber Größe ist nicht alles oder wie es Olivia formulieren würde: „Natürlich ist größer besser, wer etwas anderes behauptet belügt sich selbst.“ Unter einem Meter fünfundachtzig Körpergröße bewegte sich ihr Finger sowieso nicht nach rechts, außer der Typ am Screen verfügte über besondere Vorzüge wie einen Maserati, ein Wochenendhaus in Paris oder mindestens 7 gut sichtbare Bauchmuskeln. Ja, Oberflächlichkeit spielte für Olivia keine Rolle, es waren die inneren Werte die zählten. Gute Manieren sollte er haben, wissen wie man eine Frau behandelt, gebildet sollte er sein und einen ungefähren Plan vom Leben, damit zumindest einer einen hat.

Olivia war selbstbewusst und bereit für ein neues Abenteuer. „Nein. Nein. Bitte geh weg. Oha oooha ohh ja.“ Während sie sich mit kleinen Schokopralinen verwöhnte, tauchte ihr Mister Perfect auf dem Screen auf. Lederjacke, volles, dunkles Haar, mit einer Gitarre in der Hand in einem Irish Pub performend wie Gerard Butler zu seinen besten Zeiten. Ein echter Mann eben. „uhhh komm schon“. Ihr Schokoladenüberzogener Finger bewegte sich von links nach rechts und der „Its a Match“ Schriftzug leuchtete hell auf ihrem Handy auf. „Yesss.“ Sie strampelte vor Freude mit ihren Beinen herum und gönnte sich noch drei weitere Pralinen zur Feier des Tages. Das war harte Arbeit aber die Mission Gerard Butler war somit gestartet. Sie sendete das Bild ihres Traumtypen an zehn ihrer engsten Freundinnen und erntete umgehend Lobeshymnen zu ihrem neuesten Fang. Von einem knappen „sabber“ bis hin zu Übernahmeangeboten der männlichen Ware war alles dabei. Jetzt war der Auserwählte am Zug um die Lovestory des Jahres zu starten. Olivia rechnete mit einer Antwort in einem Zeitfenster von 2-4 Stunden. Alles was früher schrieb war laut ihren Freundinnen nicht zu gebrauchen. Im inoffiziellen Tinderratgeber steht sowas wie: „Alles was binnen einer Stunde antwortet ist Opfer.“ Genauso wichtig wie das Timing ist auch der erste Satz. Auf ein „hi, wie gehts“ folgt umgehend ein unmatch. Das ist keine hohe Wissenschaft sondern das kleine Tinder 1×1, aber ein Mann von diesem Kaliber würde das wissen. Die Zeit nutzte Oliva nun sinnvoll zur Weiterbildung, auch netflixen bis zum Tiefschlaf genannt. Gesagt. Getan.

zu Teil 2

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