Das Szenario der folgenden Erzählung ist keines das Charme versprüht. Tiefschwarze Wolken und strömender Regen prägten das Wetter, das auch mein Befinden an diesem Tag widerspiegelte. Der kalte Wind peitschte die Tränen des Himmels gnadenlos umher und mit Fortdauer des Geschehens, erreichte meine Stimmung ihren Tiefpunkt. Als freier und mündiger Bürger entschloss ich mich zu später Stunde in die Kälte hinauszuwagen, um in der leer gefegten Stadt meinen Kopf freizubekommen und etwas durchzuatmen. Die Lichter der Straßenlaternen leuchteten schwächer als gewöhnlich und spiegelten sich nur wage in den Pfüzen der Fußgängerzone. Der kalte Wind kroch unter meine Jacke und die Regentropfen liefen im Sekundentakt über mein Gesicht. Mein persönlicher Tiefpunkt war erreicht. Keine Menschenseele die bei Verstand war, verirrte sich an diesem tristen Abend nach draußen. Die bedrückende Stimmung des ganzen Tages wandelte sich zur Gleichgültigkeit und einem Hauch der Unvernunft. So kam es auch, dass ich mich in das einzige Lokal begab, dass zu dieser Zeit noch offen hatte.

Das rote Schild der kleinen Cocktailbar, die ich in früheren Zeiten des Öfteren fahruntüchtig verlassen hatte, war so einladend wie ein Willkommenschild an der Pforte zur Hölle. Die Stufen, die steil hinab in das Lokal führten bestätigten meinen Vergleich mit Luzifers zu Hause und als mir lautstark der Song Pure Morning von Placebo entgegendröhnte, war ich mir nicht sicher, ob dies hier vielleicht tatsächlich meine letzten Momente werden sollten. Unten angekommen warteten anstatt lodernder Flammen ein Barkeeper und eine Kellnerin, die im violetten Neonlicht leidenschaftlich herummachten. Zu Gute halten muss man den beiden, dass sie lange ein Paar waren und an dem Tag wohl mit keinem Besuch mehr rechneten. Als sie auf ihren einzigen Gast aufmerksam wurden, lösten sich die Zungen der beiden und ein Verlegenes aber freundliches „Hallo“ mischte sich zu den eindringlichen, düsteren Tönen Placebos. Der Barkeeper, dem das Lokal gehörte, ich wusste immer noch nicht ob er russischer oder schwedischer Herkunft war, erkannte mich wieder. Selbst den Namen des Cocktails, den ich immer an diesem Ort zu mir nahm, war ihm noch geläufig. Ich legte meine nasse Jacke ab, setzte mich an einen kleinen Tisch etwas abseits und wartete auf den einzigen Cocktail, den man an so einem Tag trinken sollte. Scorpion. Brandy, Rum weiß, Rum braun, Triple Sec Curaçao, ein paar Spritzer Zitrussäfte und crushed Eis. Der Drink trägt den Beinamen „schnellster Weg ins Delirium“. Mein Schicksal war in Stein gemeißelt oder zumindest in flüssiger Form geordert. Die letzten Wassertropfen liefen über mein Gesicht und landeten auf der schwarz marmorierten Tischplatte. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete ich eine dunkle Gestalt, die plötzlich auftauchte.

Offenbar war ich doch nicht der einzige Gast, denn die dunkel geschminkte Person kam von der anderen Seite des Lokals, an der sich die Toiletten befanden. Ihr Blick den sie mir zuwarf, als sie mich wahrnahm, war düster, fast schon apathisch, gespickt mit einem Hauch von verpiss dich. „Keine Menschenseele die bei Verstand war, verirrte sich an diesem tristen Abend nach draußen“ kamen mir meine Gedanken wieder in den Sinn, die in dieser Gestalt Bestätigung fanden. Mit einem russisch-schwedischen „bitte sehr“ landete mein flüssiger Untergang auf dem Tisch. Untermalt von einem geflüsterten „scheiß drauf“ nahm ich den ersten Schluck zu mir, der meine Körpertemperatur in der Sekunde um zwei Grad anstiegen lies. „Fuck you“ mischten sich mein Worte zu Placebos „The Bitter End“ und ließen den Moment wirklich wie den Anfang vom Ende wirken. Es gab keine Worte dafür wie sehr mich gerade alles anfuckte und dass ich hier alleine vor einem Glaß hochprozentigen Alkohol saß, machte diese Erkenntnis nicht besser. Mein Blick versank in der violetten Neonbeleuchtung, die sich in der dunklen Tischplatte spiegelte. Die Placebo Songs drangen in mein Ohr und meine Miene blieb eisern. Der Barkeeper verschwand indessen mit seiner Freundin, wohl um weiter ihren Gelüsten nachgehen zu können. Da saß ich nun alleine mit meinem Drink und schräg gegenüber eine offensichtlich Verrückte. Ihr schwarzes Haar war noch vom Regen durchtränkt und ihre schwarz bemalten Fingernägel umfassten fest das Cocktailglas. Selbst die Lippen zierten schwarze Farbe, als wäre heute Halloween. Ich musterte sie wohl etwas zu lange, denn ihr düsterer Blick fiel erneut auf mich, mit einer Wucht, dass mein Blut zu gefrieren drohte und ich einen weiteren Schluck zu mir nahm, um den Temperatursturz auszugleichen. „Fuck you“ entfuhr es mir erneut, ohne den Blick von ihr zu nehmen. Eiseskälte und Hitze machten sich in mir breit. Ich wusste nicht wer sein Leben im Moment mehr hasste, doch wir spielten dieses Spiel mit der Gewissheit, dass es von keinem gewinnen werden konnte. Erst als der Barkeeper und seine Freundin wieder lautstark hereinstolperten wandten sich unsere Blicke voneinander ab. Die Kellnerin hatte zerzaustes Haar und offensichtlich keinen BH mehr an. Glückwunsch, dachte ich mir und nahm einen weiteren Schluck meines Untergangs. „Fuuck“ entfuhr es mir erneut. Der Drink verfehlte seine Wirkung keineswegs und entpuppte sich zur einzigen Konstante in meinem jämmerlichen Dasein.

Ich leerte ihn zügig, legte einen 10 Euro Schein auf den Tisch und zog mir die Jacke an, um diesen trostlosen, düsteren Ort zu verlassen. Draußen angekommen, richtete ich meinen Kopf in den Himmel und atmete die kalte Luft tief in mich hinein. Die dicken Regentropfen waren wie Geschoße, die meinem vom Alkohol betäubten Körper jedoch nichts mehr anhaben konnten. Leicht benommen schlenderte ich langsam die Gassen entlang. Kurz vor dem Taxistand erblickte ich erneut eine Gestalt aus dem Augenwinkel, die gegen eine Mauer im Regen lehnte und mich beobachtete. Ich sah sie nur verschwommen aber sie war schwarz gekleidet und zog an einer Zigarette. Schwarz gekleidet. „Ist das die Irre aus dem Lokal?“ flüsterte ich mir ungläubig zu. Sie fixierte mich, wie wenige Minuten zuvor und ich tat es ihr gleich. Sie schnippte ihre Zigarette weg, bewegte sich in schnellen Schritten auf mich zu bis sie völlig durchnässt vor mir stand. Ihre schwarzen Lippen klebten schneller an meinen, als ich etwas sagen konnte. Es war seltsam. Mir wurde wieder eiskalt und heiß zu gleich. Als würde einen der Tod berühren und ins Ohr hauchen, dass alles gut wird. Uns stockte beiden der Atem, wie zwei regungslose Körper, eingerahmt inmitten von tausenden Regentropfen. Unsere Augen verabschiedeten sich voneinander mit tiefem Blick. Sie ging zuerst und verschwand in der Nacht als hätte es sie nie gegeben. Zu Hause angekommen fühlte ich mich als hätte ich einen Cocktail aus der Hölle getrunken und danach mit der Tochter des Teufels geknutscht. Ein Cocktail aus der Hölle, schmunzelte ich …bevor ich zu zufrieden zu Klängen Placebos einschlief.

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