Am 8. September 2015 schrieb Österreich Fußballgeschichte. Mit dem 4:1-Auswärtssieg im EM-Qualifikationsspiel gegen Schweden war die Qualifikation für die Europameisterschaft 2016 in Frankreich endgültig besiegelt, nachdem schon vorher nur noch theoretisch ein erneutes Scheitern möglich war. Die gute Nachricht für alle österreichischen Fußballfans ist, dass die Qualifikation nicht der Aufstockung der bei der Endrunde teilnehmenden Mannschaften von 16 auf 24 geschuldet war. Österreich wurde ungeschlagen Gruppenerster der Gruppe G und wäre auch beim alten Modus sicher qualifiziert gewesen. Das heißt, der ÖFB hat seit langem mal wieder eine schlagkräftige Mannschaft und die Fans träumen euphorisch vom ersten Titel der Verbandsgeschichte bei einer EM.

Buchmacher sehen Österreich als krassen Außenseiter

Die Welt der Sportwetten wird allerdings nicht von euphorischen Gefühlen beherrscht. Die Buchmacher der großen Sportwettenanbieter betrachten die Chancen der qualifizierten Mannschaften auf den EM-Titel ganz nüchtern und stufen Österreich als krassen Außenseiter ein. Den Quoten nach zu urteilen setzen Sie auf Mannschaften wie Weltmeister Deutschland, Titelverteidiger Spanien oder Gastgeber Frankreich. Selbst die Chancen für die Schweiz und Kroatien werden noch höher eingeschätzt. Fakt ist jedoch, dass sich Österreich mittlerweile auf Platz 11 der aktuellen Weltrangliste (Stand: 22.10.2015) vorgearbeitet hat und nur noch 61 Punkte Rückstand auf das vor ihm liegende Team aus England hat. Wenn es so einfach wäre, könnte man behaupten, Platz 8 bei der EM ist sicher, denn in der Weltrangliste liegen nur sieben europäische Mannschaften noch vor Österreich. Aber schon der legendäre Ernst Happel wusste schon: „Der Fußball ist zu 80 Prozent Praxis und zu 20 Prozent Theorie.“

Auszug aus der aktuellen Fußball-Weltrangliste (Stand 22.10.2015):

PlatzMannschaftPunkte
1Argentinien1419
2Deutschland1401
3Belgien1387
4Portugal1235
6Spanien1223
8Wales1195
10England1161
11Österreich1100

Beeindruckende Qualifikation als Gruppenerster beendet

Wie stark das österreichische Nationalteam aktuell ist, zeigt ein Blick auf die Qualifikationsrunde für die EM 2016. Gegen die viel höher eingeschätzten Mannschaften aus Russland und Schweden holte das Team zehn von zwölf möglichen Punkten. Am Ende betrug der Vorsprung gegenüber dem Zweiten Russland acht Punkte, gegenüber Schweden als Gruppendritten gar zehn Punkte. Mit neun Siegen und einem Unentschieden beendete die Alpenrepublik die Runde ungeschlagen mit einem Torverhältnis von 22:5. Nur England hielt seine Weste mit zehn gewonnenen Spielen komplett sauber. Danach rangiert schon Österreich als zweiterfolgreichstes Team der Qualifikation. Top-Torschütze war der beim FC Basel unter Vertrag stehende Marc Janko mit sieben Treffern. Zum Vergleich: Cristiano Ronaldo brachte es auf fünf Treffer. Diese Fakten können durchaus Anlass zu Optimismus geben, dass die Mannschaft auch bei der Endrunde nicht ganz chancenlos sein wird. Die erste Europameisterschaftsendrunde, für die sich die Mannschaft sportlich qualifiziert hat, soll nicht nach der Vorrunde enden. Die Statistik Österreichs bei den Endrunden der EM sieht bisher sehr dünn aus und bietet noch viel Potenzial nach oben.

  • einzige Endrundenteilnahme bisher: 2008
  • qualifiziert als Gastgeber
  • Bilanz: 2 Niederlagen, 1 Unentschieden
  • einziger Torschütze: Ivica Vastic (beim 1:1 gegen Polen)

Nur Alaba ist Weltklasse

Die Spieler des aktuellen Kaders verdienen ihr Geld hauptsächlich im Ausland. Beim letzten Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein stand aus der tipico-Bundesliga nur Torwart Robert Almer von Austria Wien auf dem Platz. Zwei weitere saßen auf der Bank. Immerhin 13 der Nominierten spielen derzeit bei Vereinen der ersten oder zweiten Bundesliga in Deutschland und vier in der englischen Premiere League. Dragovic von Dynamo Kiew sowie Janko und Jantscher, die in der Schweiz spielen, komplettieren den Kader. Apropos Schweiz: Der Schweizer Trainer Marcel Koller hat in den vier Jahren seiner Amtszeit wieder ein Stück Spielkultur in die österreichische Nationalmannschaft gebracht. Ballbesitzfußball, ein 4-2-3-1-System und Konstanz im Kader sind die Komponenten für den Erfolg. Obwohl lediglich David Alaba von Bayern München das Prädikat Weltklasse verdient, hat Koller aus der Mannschaft eine funktionierende Einheit geformt. Angesichts solcher Charaktere wie Marko Arnautovic war dies sicher keine leichte Aufgabe. Anfangs von vielen belächelt, hat sich Koller mit dem Erfolg inzwischen auch die Sympathien der Fans erobert. Das Unverständnis, der Nation einen Eidgenossen als Trainer vorzusetzen, schwindet mehr und mehr. Damit hat sich die Vision von einem erfolgreichen ÖFB-Team, die Ernst Happel 1992 kurz vor seinem Tod in seinem Testament niedergeschrieben hat, 23 Jahre später doch noch erfüllt: „Wirst sehen, da wird was draus.“ Was genau daraus wird, bleibt abzuwarten. Vielleicht kann das aktuelle Team ja an die größten Erfolge anknüpfen, als Österreich WM-Vierter (1934), WM-Dritter (1954) oder sogar Sieger des Europapokals wurde (1932).

Überraschungs-Europameister in der Geschichte der EM

Dass auch kleinere Fußballnationen bei großen Turnieren Nadelstiche setzen können, hat sich schon oft gezeigt. Dass Costa Rica beispielsweise bei der letzten Weltmeisterschaft bis ins Achtelfinale kommt, hätte sicher niemand geglaubt. Bei der EM 1976 in Jugoslawien kam es im Endspiel zu der Paarung Tschechoslowakei gegen Deutschland und der legendären Nacht von Belgrad. Während die Tschechoslowaken schon in der Qualifikation und im Viertelfinale auftrumpften und beispielsweise England und die Niederlande besiegten, hatten die Deutschen große Mühe, die Qualifikation zu überstehen und lagen auch im Viertelfinale gegen Jugoslawien bei Halbzeit schon 0:2 hinten. Mit Ach und Krach gelang der Ausgleich und in der Verlängerung waren die Deutschen den Jugoslawen dann konditionell überlegen und gewannen durch drei Tore von Dieter Müller in seinem ersten Länderspiel noch mit 4:2. Der rekordaffine Dieter Müller stand kürzlich kurz davor, seinen Bundesliga-Rekord mit sechs Toren in einem Spiel an Robert Lewandowski zu verlieren. Im Endspiel der EM 1976 erzielte der Kölner erneut ein Tor und wurde Torschützenkönig des Turniers. Allerdings musste Deutschland wieder einem 0:2-Rückstand hinterherhinken. Aber wiederum gelang der Ausgleich und die EM 1976 wurde erstmals durch ein Elfmeterschießen entschieden. Uli Hoeneß schoss seinen Elfer über das Tor und Panenka machte den ersten Erfolg der Tschechoslowakei perfekt.

  • Endspiel am 19. Juni 1976 in Belgrad: CSSR – Deutschland
  • Endergebnis: 2:2 n.V., 5:3 n.E.
  • Torschützen: Svehlik, Dobias, D. Müller, Hölzenbein

Bei der EM 1992 in Schweden wurde das qualifizierte Jugoslawien aufgrund des Balkankonflikts von der Endrunde ausgeschlossen. Nachrücker Dänemark musste seine Spieler aus dem Urlaub zurückholen und startete mit je 1 Sieg, 1 Unentschieden und 1 Niederlage mühsam in die Endrunde. Am Ende qualifizierten sich die Dänen als Gruppenzweiter für das Halbfinale, wo die Niederlande nach einem 2:2 nach regulärer Spielzeit mit 5:4 im Elfmeterschießen bezwungen wurde. Schließlich gewann Dänemark auch noch das Finale gegen den damaligen Weltmeister Deutschland überraschend mit 2:0.

  • Endspiel am 26. Juni 1992 in Göteborg: Dänemark – Deutschland
  • Endergebnis: 2:0
  • Torschützen: Jensen, Vilfort

Die Sensation bei der EM 2004 in Portugal war der Gewinn des EM-Titels durch Griechenland. Die Griechen hatten sich mit ihrem deutschen Trainer Otto Rehagel als Gruppenzweiter für das Viertelfinale qualifiziert. Drei 1:0-Siege gegen Frankreich, im Halbfinale gegen Tschechien und im Finale gegen Portugal machten die Überraschung perfekt.

  • Endspiel am 4. Juli 2004 in Lissabon: Portugal – Griechenland
  • Endergebnis: 0:1
  • Torschütze: Charisteas

Fazit

Die Chancen Österreichs auf den Titel bei der Fußball-EM 2016 in Frankreich sind sicher gering. Bei Interwetten traut man der Alpenrepublik mit einer Quote von 75,0 noch am ehesten eine Überraschung zu. Die anderen großen Wettanbieter stufen das Team mit Quoten jenseits der 100 als krassen Außenseiter ein. Trotzdem ist im Fußball immer eine Überraschung möglich. Wenn die Mannschaft ihre derzeitige Form bis zum Beginn der EM konservieren kann, können durchaus einige Nadelstiche auf die großen Fußballnationen gesetzt werden. Sollte es am 10. Juli zum Wunder von Saint-Denis kommen und Österreich die EM gewinnen, wäre das sicher nicht die schlechteste Ablösung des letzten Wunders von Cordoba bei der WM 1978.

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