Es war ein lauer Sommerabend in einer idyllischen Kleinstadt Italiens. Ein paar Touristen flanierten gemütlich über den überschaubaren Hauptplatz und überlegten in Ruhe, in welchem der fünf Lokale sie heute ihr Abendessen zu sich nehmen sollten. Die bunten Stühle vor den Lokalen füllten sich langsam aber zunehmend, genauso wie die Weingläser der besagten Gäste. Es herrschte diese besondere Urlaubsstimmung, eine Mischung aus tiefster Zufriedenheit und leichter Müdigkeit, die sich in der Sommerhitze den ganzen Tag über anstaute. Ich selbst schlenderte noch durch ein paar Seitengassen, um das eine oder andere kunstvolle Schaufenster zu erblicken.

Dass ich alleine in Italien war wusste außer mir niemand. Es war einer dieser spontanen, geheimen Wochenendtrips mit dem Cabrio, um den Kopf freizubekommen. Ich kostete die Freiheiten eines jungen, ungebundenen und unabhängigen Mannes vollstens aus und genoss den letzten von drei Abenden in dieser überschaubaren Provinz.

Die Schaufenster erstrahlten durch die tiefstehende Sonne in einem besonders charmanten Licht. Untermalt von der lockeren Abendstimmung trat das Flair Italiens dezent aber deutlich zu Tage. In der Spiegelung eines Schaufensters, in dem alte Gemälde ausgestellt waren, sah ich zwischen den Reflexionen der Sonnenstrahlen eine Frau, die auf der gegenüberliegenden Seite der Gasse stand und ihrerseits in ein Schaufenster blickte. Ihr dunkles, langes Haar hing über ihre rechte Schulter und ihre Figur war schlichtweg atemberaubend. Sie trug eine verspielte, schulterfreie, weiße Bluse, sodass mir ihr Tattoo auf der linken Schulter sofort ins Auge stach. Ein kleiner Halbmond, umgeben von zwei Sternen zierte ihre sonnengeküsste Haut.

Als sie sich plötzlich umdrehte, versuchte ich mich von ihrem Spiegelbild abzuwenden und durch das Schaufenster hindurchzusehen. Dies gelang mir aber sichtlich schlecht und so sah sie mir über die Spiegelung direkt in mein Gesicht. Ich fühlte mich auf frischer Tat ertappt. Sie wandte ihren Blick von mir ab und schlenderte leichtfüßig die Gasse entlang, ehe sie am Ende dieser nochmal kurz über ihre Schulter blickte und mich ansah, bevor sie verschwand. Ich dachte mir weiter nichts, außer dass dies wieder einer dieser seltenen Momente war, den ich für deutlich mehr als eine einfache, zufällige Begegnung hielt.

Als der Hunger sukzessive größer wurde, zog es mich zurück zum Hauptplatz, wo ich mir einen etwas abgelegenen Tisch in meinem lieb gewonnen Restaurant suchte. Es wurde allmählich dunkler und die Lichterketten, die über sämtliche Tische gespannt waren, kamen langsam zur Geltung. Ich bestellte mir Bruschetta als Vorspeise, Spaghetti Carbonara als Hauptgang und zur Feier des finalen Abends ein Glaß Weißwein. Der überschaubare Tisch für zwei Personen war im nu vollgestellt und so startete ich zuerst mit der klassischen Vorspeise. Das Lokal war noch gut gefüllt. Ich beobachtete entspannt das rege Treiben der anderen Gäste und lauschte deren Gesprächen, von denen ich meist kein Wort verstand. Als die Hauptspeise serviert wurde und ich den zweiten Schluck meines Weines zu mir nahm, wurde mir schlagartig etwas wärmer.

Die Frau von vorhin, mit dem Sternentattoo auf ihrer Schulter, setzte sich auf den kleinen Tisch visavies von mir. Ich war kurzfristig wie versteinert, sank gefühlte 30 Zentimeter in meinen Sessel hinein und tat so als hätte ich sie nicht bemerkt, was natürlich gelogen war. Längst hatte ich sie von Kopf bis Fuß gemustert. Ihr brünettes, glattes Haar lag nun über ihrer anderen Schulter und reichte ihr bis zum Herz. Sie war eine wundervolle Erscheinung, vor allem in diesem Ambiente, unter den romantischen Lichterketten und dem Mond, der sich langsam aber sicher zur erkennen gab. Sie bestellte sich ebenfalls ein Glas Weißwein, lehnte sich zurück, nahm einen Schluck und sah frontal zu mir hinüber. In diesem Moment trennten uns in etwa 10 Meter. Sie saß wie ich völlig alleine an ihrem Tisch und wir sahen uns direkt in die Augen. Blau, kein Zweifel. War der Blickkontakt in den ersten beiden Sekunden noch eine Herausforderung, fühlte er sich ab Sekunde drei bereits vertraut und richtig an. Was passierte hier? Ihr Blick wich nicht mehr von meinem und ihre Lippen verformten sich zu einem leichten Lächeln. Ich versuchte mich mit einem weiteren Schluck zu beruhigen doch der Versuch war vergebens, da sich dieses Wesen von ihrem Sessel erhob, ihr Weinglas in die Hand nahm und sich langsam meinem Tisch näherte.

„Darf ich mich zu dir setzen?“ klang es aus ihr, als hätte ein Engel soeben jeden gesagten Buchstaben mit Gesang untermalt. Ich nickte ihr zu, da mein Sprachzentrum einen kurzen Aussetzer hatte. Ich drückte innerlich kurz auf Pause. Italien, ein lauer Sommerabend, eine romantische Szenerie, der letzte Abend und eine wildfremde, wunderschöne Frau Mitte 20, mit dem Mond auf ihrem Rücken und dem Meer in ihren Augen, die mir plötzlich gegenüber saß.

„Bist du alleine hier?“ fragte ich sie, als wäre das nicht sowieso offensichtlich. „Ja, so wie du?“ „Ja, ich bin allein hier…“. Smalltalk folgte. Wir stellten uns vor, plauderten über den kleinen Ort, wieso wir alleine hier waren und dass sich diese Flucht aus dem Leben noch nie besser anfühlte als in diesem Moment. Sie war selbstbewusst ohne Ende, kostete von den Spaghetti Carbonara und bestellte noch zwei Gläser Wein und ein Dessert, dass wir uns teilten. Wir kannten uns erst seit einer Stunde und schon erinnerten mich die Silben ihrer Worte an Erinnerungen der besten Momente meines Lebens. „Wo wohnst du?“ fragte sie mich mit einem strahlenden Blick. „Etwa 800 Meter von hier, in einem kleinen Hotel. Und du?“ Sie deutete auf eine kleine Pension die sich keine fünfzig Meter hinter mir befand. „Gleich dort drüben, das blaue Haus mit dem Balkon im ersten Stock“. Binnen Sekunden spielten sich in meinem Kopf tausende Szenen ab, von denen jede einzelne mit der Person zu tun hatte die mir gerade gegenüber saß.

Wir tranken den Wein aus, bezahlten die Rechnungen und erhoben uns von unseren Plätzen. „Komm..“ sagte sie und nahm meine Hand, schneller als ich mir überlegen konnte wie dieser Abend wohl weitergehen würde. Es dauerte keine fünf Minuten bevor wir im Inneren ihres Zimmers standen und ich durch den Vorhang auf den Balkon hinausblickte. Das Licht blieb aus. Die Beleuchtung von den Lokalen und Straßenlaternen fiel taktvoll in das innere des Raumes und verlieh dieser braungebrannten, in weiß gekleideten Schönheit Akzente wie aus einem alten Hollywood Streifen. Wir sahen uns tief in die Augen, kamen uns langsam näher bis sich unsere Hände berührten und küssten uns mit einer Leidenschaft, als wären wir zehn Leben lang voneinander getrennt gewesen. Alles was folgte war Geschichte. Eine Symphonie, die der 9. Beethovens nichts nachstand – verziert mit der Lieblichkeit Chopins, ohne dessen Melancholie. Es war die wundervollste Erfahrung die man in einer Nacht durchleben konnte und die einen alles bisherige überdenken lies. Während der Mond hoch am Himmel durch die offene Balkontür strahlte und den Mond sowie die beiden Sterne auf ihrer Schulter erhellte, empfand ich eine noch nie zuvor erlebte Zufriedenheit. Ein Italienisches Sprichwort lautet „Amare e non essere amati è tempo perso“ – Lieben und nicht geliebt werden ist verlorene Zeit.“ Nicht eine Sekunde haben wir in dieser Nacht vergeudet und auch den Morgen machten wir uns zu Eigen.

Nach einer gemeinsamen Dusche und einer Tasse Kaffee die wir uns im Bett teilten, verabschiedete ich mich, da ich noch meine Sachen packen und aus meinem Hotel auschecken musste. Als ich die Stufen hinunterging, mich ein paar Meter von der Pension entfernte, meinen Blick zurück richtete und den Balkon ansah, war dies ein völlig surrealer Moment. War das gerade wirklich alles passiert? Ich lächelte zufrieden und brachte nicht mehr als ein leises „wow“ aus mir heraus.

Zwei Stunden später trafen wir uns wie verabredet, an einem markanten Punkt etwas außerhalb der Kleinstadt wieder. Ich im schwarzen Cabrio, sie im weißen – die nächste Absurdität. Die Ereignisse der letzten 12 Stunden haben uns enger zusammengebracht als das je einer von uns für möglich gehalten hätte. Die Zeit drängte und mit ihr kam nun doch noch die leichte Melancholie Chopins zum Vorschein. Wir wussten beide, dass wir uns wohl nie mehr über den Weg laufen würden – zumindest nicht in den nächsten Jahren. Sie studierte noch ein Jahr in Schweden und würde dann nach Südafrika gehen. Ihre Familie wohnte in der Schweiz, wo sie sich allerdings nur selten aufhielt.

Wir entschieden uns daher beide diese Nacht als jenes zu betrachten was es war. Ein unvergesslicher Moment in unserem Leben, vollgefüllt mit jeder Menge Zauber, Leidenschaft und Liebe. Etwas das man nicht planen kann sondern passiert, wenn alles Glück der Welt zusammenspielt.

Am Weg nach Hause hörte ich die komplette 9. Symphonie. Und Chopin. Jede Menge Chopin. Klänge, die meine Welt veränderten und die ab diesem Tag Erinnerungen in mir hervorrufen, die ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde. Genauso wie den Halbmond und die beiden Sterne.

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