Es war Dienstag, 14 Uhr. Sie saß wie jede Woche an dem kleinen Tisch am Fenster des Bistros, durch das man in einen kleinen Park sehen konnte. Ihre Bücher lagen geordnet auf dem Tisch und ihre abgetragene Ledertasche neben ihr am Sessel. Sie vergeudete keine Zeit und war offenbar gut organisiert und fokussiert. Den üblichen silbernen Stift in der Hand, machte sie sich in Ruhe Notizen in einem ledergebunden Notizbuch. Ihre dunklen Naturlocken fielen heute wieder wundervoll und die leicht zerrissenen Jeans passten perfekt zu ihrem weißen Shirt und den weißen Sneaker.

Fred freute sich jedes mal wenn sie ins Bistro kam. Dienstag, Mittwoch und Freitag um kurz vor 14 Uhr verspürte er diese Vorfreude in sich, da er wusste, dass sie jederzeit durch die Tür kommen würde. Seit gut zwei Monaten arbeitete er nebenbei als Kellner um sich sein Studium zu finanzieren. Auch wenn er nicht wusste wie sie hieß, war sie von Anfang an sein Lieblingsgast. Er fand sie faszinierend, da sie sich durch nichts ablenken ließ und diese besondere Gabe hatte, abzuschalten und die Welt um sich total zu vergessen.

Er ging wie gewohnt zu ihr hinüber und begrüßte sie mit einem leisen „Hi, das übliche wie immer?“ Sie sah zu ihm auf, strahlte ihn an und lächelte ihm zu „Ja, danke“. Fred war fasziniert wie diese zwei einfachen Worte solch eine Wirkung auf ihn haben konnten. Ok, es war wohl auch ihr Lächeln, die natürliche Ausstrahlung sowie die Ruhe die in ihren Worten lag aber dennoch wühlten ihn diese kurzen Momente im positivsten aller Sinne auf. Er brachte ihr wenige Augenblicke später, leicht aufgeregt, eine große Tasse Kaffee und ein Stück Erdbeerkuchen. Sie trank den Kaffee schwarz, ohne Zucker.

Um Punkt 15:25 beendete sie ihre Lernsession, packte ihre Sachen in ihre Ledertasche und nahm die Kaffeetasse in beide Hände. Danach blickte sie für die nächsten zehn Minuten aus dem Fenster ins Grüne hinaus und beobachtete das Treiben im Park oder die Bäume, die sich im Wind hin und herbewegten. Es schien wie eine Art Meditation für sie zu sein. Fred konnte seinen Blick nicht von ihr lassen und musste sich eingestehen, sich Hals über Kopf in dieses Mädchen verliebt zu haben.

Die nächsten zwölf Wochen verliefen allesamt gleich. Sie kam, sie strahlte, sie bestellte ihren Kaffee und lernte konzentriert, bis sie die letzten 10 Minuten aus dem Fenster hinaus sah. Außer „Hi, das übliche wie immer?“ hatte Fred bislang kein Wort zu ihr gesagt. Er hat sich zwar mehrfach vorgenommen sie nach ihrem Namen und ihrer Nummer zu fragen – aber es einfach nicht über seine Lippen gebracht. Auch die Motivationsreden seiner Kollegen halfen bislang nichts. Freds Zeit im Bistro neigte sich langsam aber sicher dem Ende zu. Er würde sie nur noch zwei mal sehen, bevor er sich wieder voll und ganz auf sein Studium konzentrieren musste. Höchste Zeit, um über seinen Schatten zu springen.

Da er das Mädchen nicht belästigen wollte und seine bisherigen Versuche sie anzusprechen gescheitert waren, schrieb er ihr in guter alter Manier einen Brief, den er ihr unauffällig beim nächsten Besuch zu dem Kaffee und dem Erdbeerkuchen aufs Tablett legte. Kaum berührte das Tablett den Tisch, zog sich Fred zurück und beobachtete aus sicherer Distanz die Situation. Sie nahm das Kuvert, öffnete es und las sich den Brief durch.

„Hi. Das übliche wie immer? Ja, danke. Für mehr als diese 7 Worte hat es bislang leider nicht zwischen uns gereicht. Da morgen mein letzter Arbeitstag ist, wollte ich dich wissen lassen, dass du jeden meiner Tage in diesem Bistro mit deiner Anwesenheit versüßt hast. Jedes deiner strahlenden „Ja, danke.“ war es Wert den Tag zu beginnen und hierherzukommen um dir deinen Kaffee und deinen Erdbeerkuchen zu servieren. Ich habe noch niemanden in meinem Leben getroffen, der derart fokussiert und konsequent ist und sich die letzten 10 Minuten mit einem Blick aus dem Fenster belohnt. Ich kenne weder deinen Namen, noch weiß ich wo du herkommst oder welche Interessen du hast – aber du hast es mir wirklich angetan. Ein schlauer Mensch hat mal gesagt: „Wenn man jemanden liebt, macht man sich immer lächerlich.“ – dieser Brief ist wohl der Beste Beweis dafür. Ich wünsche dir alles Liebe und auch zukünftig noch weitere schöne Stunden in dem Bistro. Fred – dein Kellner.“

Während sie den Brief las, stieg Fred die Scham ins Gesicht. Was für eine unendlich peinliche Aktion war das eigentlich und wieso hatte ihn niemand davon abgehalten? Seine Kollegen beobachten alles genau und bekamen sich vor Lachen nicht mehr ein. Nach keiner Minute steckte sie den Brief wieder in das Kuvert und in ihre Ledertasche, ohne sich auch nur einmal umzudrehen oder eine Miene zu verziehen. Kein Lachen, kein Schmunzeln, kein Wutausbruch oder Seufzer. Sie tat so als wäre nichts gewesen und schaute die letzten Minuten, wie gewohnt, mit ihrem Kaffee in den Händen, durch das Fenster in den Park. Danach verließ sie ohne ein Wort zu sagen das Bistro. Fred fühlte sich wie der größte Idiot auf Erden, was ihm seine lieb gewonnenen Kollegen gerne bestätigten.

Der letzte Tag verlief nicht anders als jener zuvor. Fred war zwar knallrot im Gesicht als er ihr zum letzten mal Kaffee und Kuchen brachte aber ansonsten hatte er sich ganz gut mit der Niederlage seines Lebens abgefunden. Um 15:35 war es dann überstanden und er sah sie zum letzten mal. Sie stand auf, ging an Fred vorbei und gab ihm ein Kuvert in die Hand – ohne ein Wort zu sagen. Dann war sie weg.

Fred musste sich erstmal hinsetzen. Er nahm das Kuvert, drehte es fünf mal in seinen Händen und konnte nicht aufhören zu lächeln, während sein Herz versuchte beim Hals herauszuspringen. Er öffnete zitternd das Kuvert, nahm den Brief heraus und las sich die Zeilen langsam vor…

„Lieber Fred. Ich muss dir Recht geben. Von Liebe zu schreiben ohne zu wissen wie ich heiße oder einen ganzen Satz mit mir gewechselt zu haben ist wirklich lächerlich. Ich kann es allerdings nachvollziehen. Du bist mir nämlich auch von Beginn an aufgefallen und ich habe bis gestern überlegt, wie lange es wohl dauern wird bis du mich ansprichst. Meine Konsequenz ist nichts gegen deine absolut bemerkenswerte Schüchternheit. Vielleicht war es aber auch nur noble Zurückhaltung? Wie auch immer hat es mich gefreut, dass du jeden dieser Tage anwesend warst und mir mit einem Strahlen im Gesicht den Kaffee und den Erdbeerkuchen serviert hast. Auch du hast mir meinen Tag damit versüßt. Ich bin morgen zur üblichen Zeit in diesem einen, kleinen, charmanten Bistro und würde mir, in der Hoffnung dass du mir Gesellschaft leisten möchtest, zwei große Coffee to go bestellen und mich dann in den kleinen Park hinter dem Fenster setzen. Laura.“

Fred musste schmunzeln. Laura. 5 Monate, 60 Kaffee, 60 Erdbeerkuchen und 7 Worte hat es gedauert – aber es hat sich gelohnt. Er beendete seine Karriere in dem Bistro mit einer großen Tasse Kaffee, einem Stück Erdbeerkuchen und 10 ruhigen Minuten, in denen er mit einem Lächeln durch das Fenster in den Park hinausblickte und an Morgen dachte.

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